Zahlmeister Deutschland

Deutschland, besser bekannt als Weltsozialamt, war seit jeher Verfechter der europäischen Idee. Während Europas Staaten ihre nationalen Süppchen kochten und sich mit Händen und Füßen gegen eine europäische Union sträubten, ging Deutschland vorbildlich voran. Vor allem in Sachen Zahlungen stand Deutschland immer an der Spitze. Jetzt ist Griechenland pleite und schreit nach Geld. Geld, das vor allem von Deutschland zu kommen hat. Denn Deutschland hat ja schließlich eine historische Verpflichtung, immer die Schatzschatulle zu öffnen. Tom Buhrow spricht mal Klartext. Aber nicht etwa in der ARD, sondern in der New York Times.

Hier die Übersetzung seines Artikels (Übersetzt von Nordlicht auf Fakten Fiktionen):

Ein Komiker stellt in seiner Vorstellung dem Publikum oft die rhetorische Frage, woher er denn sein möge. Wenn dann der Komiker dem Publikum darauf die Antwort „Ich bin aus Europa“ gibt, dann wissen alle, daß er eigentlich Deutscher ist.

So war es mal, vor zehn Jahren um genau zu sein. Ich war damals Korrespondent in Frankreich für das deutsche Fernsehen und in meiner Heimat war immer noch das Mantra „Wie sind keine Deutschen, wir sind Europäer“ in Mode.

In diesen Tagen und vor dem Hintergrund des zögernden Deutschland dem insolventen Griechenland zu helfen, werden Stimmen von den europäischen und amerikanischen Weggefährten laut, daß der Weg momentan vom europäischen Enthusiasmus zum hin primitiven Nationalismus führt.

Ich möchte das an dieser Stelle einmal anders betrachten: Es waren die anderen [Staaten], die sich nie zu Europa ohne Wenn und Aber bekannt haben und es sind dieselben, die sich nun wundern, daß auch unsere Mittel sich dem Ende neigen.

Den Punkt möchte ich an dieser Stelle erläutern: Deutschland ist immer noch der leidenschaftlichste Anhänger Europas. Wir werden nicht nationalistischer, sondern realistischer. Für Jahrzehnte haben wir die Herausforderungen des europäischen Projektes auf uns genommen. Wir haben den Löwenanteil in allen Budgets gezahlt und die Pläne geschmiedet, die sich Europa je hat vorstellen können. Und wir haben unseren nationalen Interessen immer nachrangig behandelt.

Bombengeschüttelt und beschämt haben wir uns nach dem Zweiten Weltkrieg nach einer neuen Identität gesehnt, wir wollten lieber Europäer sein als Deutsche. Das war auch die Geisteshaltung durch den Kalten Krieg hindurch und diese galt auch lange Zeit nachdem der Eiserne Vorhang fiel.

Nach Paris ging ich 2002 nach Washington als Leiter unseres dortigen Büros. Als ich dort mit einem französischen Diplomaten sprach, sagte ich ihm, daß wir nicht nur mit Frankreich flirten, sondern auch heiraten wollen, aber das Fenster schließt sich. Natürlich schließt es sich nicht plötzlich, wir finden nur langsam zu uns und werden eine normale Nation, jedenfalls soweit das eben machbar ist.

Darauf war er ziemlich erstaunt, er hat mich vorher nie so angesehen. Für lange Zeit war Frankreich die schöne Frau, die immer umgarnt wurde, sich aber nie auf Verbindlichkeiten einließ und in gewisser Weise gilt das auch für den Rest Europas. Bis zu einem gewissen Punkt ist das Umwerben natürlich in Ordnung; der Werber kann die Braut anbeten und die Beziehung langsam aufbauen. Früher oder später wird er sich jedoch an den alten Beatles Song erinnern: „Money can’t buy you love.

Kurz bevor die EU expandierte, wurde klar, daß Entscheidungen in Übereinstimmung nicht länger machbar waren und es wurde über eine richtige Föderation diskutiert. Jacques Chirac, damals Präsident Frankreichs, sagte, daß sein Land niemals das Arkansas des Vereinten Europas sein würde. Als Frankreich gesagt wurde, es könne das Kalifornien werden, sagte er, auch das würde nicht geschehen. Es wurde uns damals klar, daß unsere europäischen Gefährten ein vereinigtes Europa nicht wollten und es bis heute nicht wollen.

Uns wurde seinerzeit etwas versprochen, als wir die Mark für den Euro aufgaben: Hoch und heilig wurde uns gesagt, daß die Währungsunion nur das eine Bein sei, daß andere wäre die volle politische Union.

Die Mark war Deutschland Fahne, unsere Identität. Deutschland glaubte an seine Zentralbank, die Bundesbank, mehr als an jede andere politische Institution. Die Bundesbank hielt die Währung stabil und wir liebten diese Stabilität.

Nichtsdestotrotz gaben wir das alles für den Traum von den „Vereinigten Staaten von Europa“ auf, den aber niemand mit uns träumte. Die meisten europäischen Regierungen wollten am liebsten alles auf einmal haben: Nationalstaaten bleiben und ökonomische Solidarität bekommen. In etwa so, als würde man beim eigenen Girokonto von seinem Nachbarn stets erwarten, bei Überziehung einzuspringen.
Heute werden die Deutschen beschuldigt egoistisch und nationalistisch zu sein, weil sie zögern anderen Ländern aus der Patsche zu helfen. Alte Anklagen kommen damit einher. Ist das das europäische Projekt: entweder Deutschland zahlt die Rechnung oder man beschwört die Vergangenheit gegen uns?

Nachricht an Europa: Wir würden gern zahlen, aber das Geld ist nicht mehr da! Deutschland hat zwar immer noch starke Industriezweige, aber das eigene Wachstum ist zu gering, um alles zu schultern, gerade vor dem Hintergrund einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung.

Margaret Thatcher rief einst während der EU Haushaltsverhandlungen: „I want my money back!“ Man stelle sich vor Deutschland würde so etwas je sagen! Zumindest sprach Thatcher nur über das eigene Geld, britische Beiträge an die EU. Heute hören wir: „Ich will Geld“ Punkt. Wenn es sich in Europa nur ums Geld dreht, dann befürchte ich, daß sich die Deutschen dazu hinreißen lassen zu sagen: „Wir wollen unsere Mark zurück.“

Nebenbei, es dreht sich nicht allein nur ums Geld. Wenn es nur darum ginge, dann würden wir am Ende zähneknirschend zahlen, wie wir es immer getan haben. Es dreht sich um unsere Währung und wir haben alle versprochen sie stabil zu halten. Wenn wir das Versprechen brechen, bringen wir unsere Union in Verruf.

Es ist vielleicht an der Zeit, um Klartext zu reden. Klartext, den unsere Regierungen uns verweigern. Liebe Europäer, es sind nicht die Deutschen, die sich von Europa abwenden, es seid Ihr, die Ihr Euch Europa nie voll und ganz zugewandt habt. Wir wollten in einer größeren Union aufgehen, Ihr wolltet das nicht. Das ist schade, aber in Ordnung. Es bedeutet nicht, daß wir nun beginnen einander zu hassen. Wir werden weiterhin Griechenlands Beitrag zum europäischen Erbe bewundern, wir lieben Frankreichs Anmut und Kultur, Italiens Freundlichkeit, Spaniens wunderschönen Küsten und all die anderen Wunder dieses vielfältigen Kontinents.

Wir werden uns weiter besuchen, Handel treiben und uns auf Projekte verständigen, die auch weiterhin von Deutschland finanziert werden. Wir werden nun nicht die Geheimzahl unserer EC-Karte mit Euch teilen, denn diese ist reserviert für eine Gemahlin, auf die wir lange am Altar gewartet haben.

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